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Ehemalige Forschungslücke Apokalypsetext


Eine weitere Forschungslücke betrifft die Bewertung und Gruppierung aller griechischen Handschriften der Apokalypse (Apk) sowie die Ermittlung ihres Textes. So konnte man es noch zum Start dieser Website sagen, als deren Aufbau festgelegt wurde. Mittlerweile hat sich dies geändert, denn die Lücke ist durch zwischenzeitliche Studien und die gegenwärtige Arbeit an der kommenden ECM quasi geschlossen. Dennoch lasse ich, um den Zusammenhang zu wahren, die damalige Beschreibung der Situation vorerst hier stehen, ergänze sie aber um den aktuellen Stand.

 

   Bisher mangelnde Untersuchung der Apokalypsehandschriften (-2007)

 

Für die Herstellung der geplanten Grundtextausgabe soll der Wortlaut der verschiedenen Textformen durch Kollation zugehöriger Handschriften über den gesamten Text ermittelt werden (s.o.). Um geeignete Handschriften für diese Vollkollationen auszuwählen, müssen ihre Verwandtschaften und Gruppenzugehörigkeiten berücksichtigt werden. Diese Auswahl ist für die Bücher Mt-Jud mit Hilfe der Untersuchungen in "Text und Textwert der griechischen Handschriften des Neuen Testaments" möglich, die alle bekannten bzw. zugänglichen Handschriften aufgrund von sog. “Teststellen” analysieren. Doch für das Buch der Offenbarung fehlte bisher dieses wichtige Instrument. Die Veröffentlichungen von H.C. Hoskier (“Concerning the Text of the Apocalypse”) und J. Schmid (“Studien zur Geschichte des griechischen Apokalypse-Textes”) konnten diese Lücke nur teilweise schließen.


   Textwertuntersuchungen der Apokalypsehandschriften (2008-2017)


Aus den beschriebenen Gründen habe ich 2008-2011 entsprechende Teststellen ausgewählt und an ihnen zahlreiche Apk-Handschriften kollationiert, um eine entsprechende Bewertung und Gruppierung zu ermöglichen. Anlässlich dieses Materials kam es 2011 zur Kooperation mit dem Team der Editio Critica Maior (ECM) zur Offenbarung (DFG-Projekt unter der Leitung von M. Karrer). In gemeinsamer Arbeit konnte so der entsprechende ”Text und Textwert”-Band entstehen und 2017 veröffentlicht werden (s. Publikationen). Die eigens hierfür programmierte Software ermöglichte den Vergleich entsprechender Datenbanken sowie deren Auswertungen zur Untersuchung der Handschriftentexte, so dass heute solide und umfassende Daten zur Bewertung und Einordnung jeder Apk-Handschrift existieren - ein erheblicher Fortschritt in der Apokalypse-Forschung.


   Ermittlung des Wortlauts der Apokalypse-Textformen


In der Offenbarung existiert kein einheitlicher Mehrheitstext; die Überlieferung ist in mehrere Textformen geteilt, die durch die bisherigen Mehrheitstext-Ausgaben nicht präzise dargestellt werden. Die Wortlaute dieser Textformen bedürfen somit noch der Klärung. Zu diesem Zweck habe ich 2007 erste Vollkollationen ausgewählter Apk-Handschriften durchgeführt. Diese ersten Ergebnisse konnten und können jetzt präzisiert werden durch die Ergebnisse der "Text und Textwert"-Arbeiten (2011-2017), da sie eine gezieltere Handschriftenauswahl ermöglichen. Der genaue Wortlaut des Koine-Textes konnte bereits ermittelt werden, ebenso der des Compl-Textes, während der Wortlaut des wesentlich inhomogeneren Andreas-Textes noch in Arbeit ist.


   Fehler im NA-Apparat


Mit fortschreitender Forschungsarbeit im Apokalypsetext wird zunehmend die Korrekturbedürftigkeit bisheriger Aussagen sichtbar. Der Apparat des Nestle-Aland enthält besonders in der Offenbarung eine Reihe von Ungenauigkeiten. Einige Beispiele (bezogen auf NA27):

Offb 1,18. Falsch: MK liest “4231”, d.h. die Umstellung αδου και του θανατου. Richtig: Nicht MK, sondern MA liest so.

Offb 2,14. Falsch: MK liest mit txt, d.h. τω Βαλακ. Richtig: MK liest (abweichend von txt und MA) τον Βαλακ, teilweise auch τον Βαλαακ.

Offb 3,4 (nach Σαρδεσιν). Falsch: MT liest οι. Richtig: MA liest οι, MK liest α (mit txt).

Offb 4,8 (vor τεσσαρα ζωα). Falsch: Auslassung des τα durch MT. Richtig: Zwar lassen 115 Hss das τα aus (darunter der größere Teil von MK und von MA), aber 139 Hss (d.h. die quantitative Mehrheit) lesen das τα (darunter die Compl-Hss und ein Teil von MK und von MA).

Offb 6,11. Falsch: MK liest “2”, d.h. εκαστω (in NA28 explizit so). Richtig: MK liest “1”, d.h. αυτοις (mit 046 1854 2351).

Offb 13,5. Falsch: 1006 ist ungenannt, müsste demnach mit MT βλασφημιαν lesen (in NA28 explizit so), 1841 ist mit txt unter βλασφημιας aufgeführt, 2053 ist im Apparat unter βλασφημιαν erwähnt (in NA28 unter βλασφημα) und in “variae lectiones minores” zu βλασφημια präzisiert. Richtig: 1006 1841 lesen βλασφημιαι (also Nominativ, auf εδοθη bezogen), dementsprechend sollte auch das βλασφημια in 2053 als eigene Variante verstanden werden.

Offb 18,2. Falsch: MK liest δαιμονων, MA mit txt δαιμονιων. Richtig: MK und MA lesen beide δαιμονων, nur f.1006 und Ökumeniustext (f.2053) lesen mit den alex. Hss δαιμονιων.

Offb 21,20. Falsch: 2053 2062 lesen αμεθυστινος (mit 01*). Richtig: 2053 liest αμεθυντινος, 2062 liest αμεθυντινως (alle 5 Ökumenius-Hss lesen -θυντ-).

Offb 22,5. Falsch: MA liest mit txt, d.h. ουκ εχουσιν χρειαν. Richtig: MA liest die Umstellung χρειαν ουκ εχουσιν.

Diese Fehler sind auch in der neuen, kürzlich erschienenen 28. Auflage noch nicht korrigiert worden.


   Aktuelle Liste aller griechischen Apokalypse-Handschriften


Dies ist eine vollständige Auflistung aller bekannten Apk-Handschriften, die nach dem neuesten Forschungsstand laufend aktualisiert wird (letzte Änderung: 04.01.2022):


P18 P24 P43 P47 P85 P98 P115 01 02 04 025 046 051 052 0163 0169 0207 0229 0308 18 35 42 61 69 82 88 91 93 94=2917 104 110 141 149 172 175 177 201 203 205 218 241 242 250 254 256 296 314 325 336 337 (339) 367 368 385 386 424 432 452 456 459 467 468 469 498 506 517 522 582 616 617 620 627 628 632 664 680 699 743 757 792 808 824 886 911=2040 919 920 922 935 986 1006 1064 1072 1075 1094 1248 1328 1384 1424 1503 1551 1597 1611 1617 1626 1637 1652 1678 1685 1704 1719 1728 1732 1733 1734 1740 1745 1746 (1757) 1760 1768 1769 1771 1773 1774 1775 1776 1777 1778 1780 (1785) 1795=2349 (1806) 1824 1828 1841 1849 1852 1854 1859 1862 1864 1865 1870 1872 1876 1888 1893 1903 1918=866b 1934 1948 1955 1957 2004=1835 2014 2015 2016 2017 2018 2019 2020 2021 2022 2023 2024 2025 2026 2027 2028 2029 2030 2031 2032 2033 2034 2035 2036 2037 2038 2039 2041=1040 2042 2043 2044 2045 2046 2047 2048 2049 2050 2051 2052 2053 2054 2055 2056 2057 2058 2059 2060 2061 2062 2064 2065 2066 2067 2068 2069 2070 2071 2072 2073 2074 2075 2076 2077 2078 2079 2080 2081 2082 2083 2084 2087 2091 (2116) (2136) 2138 2186 2196 2200 2201 2254 2256 2258 2259 2286 2302 2305 2323 2329 2344 2350 2351 2352 2361 2377 2403 2408 2419 2428 2429 2431 2432 2434 (2435) 2436 2493 2494 2495 2554 2582 2594 2595=598 2619 2625 2626 2638 2643 (2648) 2656 2663 2664 2667 2669 2672 2681 2716 2723 2743 2759 (2776) 2794 2814=1 2821=60 2824=1352b 2843 2845 2846 2847 (2849) 2855 2864 2886=205abs 2891=2036abs 2909=1668 2918=180 2919=181 2920=209 2921=429 2922=1140 2923=1857 2924=2004s 2926=1894 2931 (2970).


Nicht aufgeführt sind 2063 2433, weil sie nur Kommentar enthalten, und 2114 2402 2449, weil sie in Neugriechisch geschrieben sind.

Unter den aufgeführten Hss sind mittlerweile verschollen oder zerstört: 0229 1785 1806 2039 2116, und auch 025 ist stark beschädigt. 241 und 336 hingegen sind wieder aufgetaucht. 339 ist zum großen Teil verbrannt, die Reste enthalten keinen Teil der Apk mehr. 1757 enthielt ursprünglich einmal die Apk, diese wurde jedoch im Jahr 1912 aus dem Band entfernt und über ihren Verbleib ist nichts bekannt.

Aufgrund von Umbenennungen waren einige der aufgeführten Hss früher unter einer anderen Nummer bekannt; in diesen Fällen sind oben beide Nummern angegeben, durch Gleichheitszeichen verbunden (links die neue, rechts die alte Nummer).

Die Handschrift 1768 ist zwar schon länger bekannt, jedoch wurde erst in jüngerer Zeit von W. Pickering entdeckt und mir mitgeteilt, dass sie (entgegen der Angabe in der "Kurzgefassten Liste") auch die Apk enthält.

Einige der aufgeführten Handschriften enthalten die Apk nur unvollständig; besonders die Folgenden sind extrem fragmentarisch (wenige Verse oder höchstens 1 Kapitel erhalten): P18 P24 P43 P85 P98 052 0163 0169 0207 0229 0308 886 1652 1769 2087 2259 2361 2408 2419 2855.

Der Text folgender Apk-Hss kann zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht untersucht werden, da er weder von Hoskier oder anderen Editionen erfasst wurde noch Aufnahmen im INTF vorliegen (oben eingeklammert): 339 1757 1785 1806 2116 2136 2435 2648 2776 2849 2970.

 

   Abschriften vom gedruckten Textus Receptus


Bekanntlich lag Erasmus bei der Erstellung des TR die Minuskel 2814 (früher 1r genannt) als einzige Apokalypse-Handschrift vor. Daher zog er an einigen Stellen auch die lateinische Vulgata heran. Aus dieser editorischen Arbeit ist ein Apokalypsetext hervorgegangen, der an einigen Stellen durch Sonderlesarten erkennbar ist, die sich nicht in der benutzten Handschrift 2814 finden, sondern zum damaligen Zeitpunkt singulär waren (bis sie von späteren Abschreibern kopiert wurden). Dementsprechend lässt die vorläufige Auswertung der Apk-Teststellenkollationen (etwa 8 % der ursprünglich ausgewählten Teststellen erfassen solche TR-Sonderlesarten) in diesem Bereich zwei klar voneinander unterschiedene Gruppen erkennen: Zum einen die Handschriften, die der Vorlage des Erasmus entsprechen oder ihr nahe stehen: 2186 2428 2814. Zum anderen Handschriften, die dem gedruckten TR ähnlicher sind als 2814, d.h. offensichtlich nachträgliche Abschriften vom gedruckten TR sind und somit keinen Wert für die Textforschung haben: 296 1776 1777 2049 2066 2072 2619 2664 2909 (früher 1668). Hinzu kommen drei Handschriften, die nur teilweise vom TR abgeschrieben sind: 1775 (nur die zweite Hälfte, etwa ab Kapitel 12), 1894 (nur die ersten zwei oder drei Kapitel), und 1903 (nur die ersten ca. fünf Kapitel - soweit die Ergebnisse der Teststellenauswertung, genauere Angaben wären durch Vollkollationen möglich). Ferner ist zu bemerken, dass die Apk-Handschriften 1775 1776 1777 nicht so fragmentarisch sind wie von Hoskier und J. Schmid behauptet wurde, denn: 1775 ist vollständig, 1776 ist fast vollständig (es fehlt nur der letzte Vers Offb 22,21), und 1777 enthält immerhin Offb 1,1-10,11. Der aktuelle Forschungsstand zu den TR-Kopien der Offenbarung ist zusammengefasst im Beitrag von Darius Müller: "Abschriften des Erasmischen Textes im Handschriftenmaterial der Johannesapokalypse. Nebst einigen editionsgeschichtlichen Beobachtungen", in: Studien zum Text der Apokalypse, hrsg. von Marcus Sigismund/Martin Karrer/Ulrich Schmid, Berlin/Boston 2015, Arbeiten zur neutestamentlichen Textforschung (ANTF) 47, Seite 165-268.


   Die Handschrift GA 2846


Eines der Ergebnisse der Teststellenkollationen ist die Entdeckung des Textwerts von 2846. Diese Handschrift steht - im Vergleich Nestle-Aland vs. Mehrheitstext - dem sog. alexandrinischen oder alten Text näher als irgendeine andere Minuskelhandschrift (auch als 2053 und 2344); ihr Textcharakter steht etwa zwischen A C und Familie 1006. Ausführliche Informationen finden sich in meinem Artikel in NovT 54 (PDF s. Publikationen). Da für die Apokalypse nur wenige Zeugen der “alexandrinischen” Textform erhalten sind (P47 א A C und wenige Fragmente), wird die Minuskel 2846 eine große Bedeutung für die Textkritik haben, besonders dort, wo C eine Lücke aufweist (2846 selbst hat allerdings auch eine Lücke: Offb 9,7-10,9). Eine detaillierte Transkription des Wortlauts von 2846 gebe ich hier im pdf. (Eine noch präzisere Transkription wird gegenwärtig im Rahmen der Vorbereitung der ECM zur Apk erarbeitet.)

Dateidownload
Vorläufige Transkription von 2846 mit Anmerkungen (Stand: 2010)


   Sortierung aller Apokalypse-Handschriften nach Alter


Gemäß Datierung in der Kurzgefaßten Liste, ggf. mit Aktualisierung. Wo die Datierung in dieser Quelle unsicher ist und zwischen mehreren Jahrhunderten schwankt, ist jeweils das früheste Jahrhundert (die älteste Datierung) angenommen.


2. Jh.:
P98


3. Jh.:

P18 P47 P115


4. Jh.:
P24 P85 01 0169 0207 0308


5. Jh.:

02 04 0163


6. Jh.: 

P43


7. Jh.:

-


8. Jh.:

0229


9. Jh.:

025 1424 1841 1862


10. Jh.:

046 051 052 82 93 93 175 456 627 920 1611 2074  2329 2351


11. Jh.:

35 42 91 94 104 177 241 250 256 314 325 424 459 506 517 617 699 919 1006 1384 1734 1828 1849 1854 1870 1888 1934 1955 2004 2032 2048 2059 2081 2138 2259 2344 2723 2864


12. Jh.: 

88 110 203 242 337 452 620 632 911 922 1740 1760 1795 1872 1893 2030 2039 2050 2186 2286 2625 2794 2814 2846 2855 2924


13. Jh.:

141 172 218 [339] 468 469 757 792 1072 1094 1551 1597 1685 1719 1728 1780 (1785) 1852 1864 1865 2018 2019 2027 2053 2062 2079 2323 2419 2434 2643 2918 2922


14. Jh.:

18 201 254 367 386 498 582 628 680 743 808 824 935 986 1075 1248 1328 1503 1637 1678 1732 1733 1746 1769 1771 1773 (1806) 1859 1918 2022 2031 2036 2037 2041 2042 2045 2056 2058 2060 2070 2073 2075 2080 (2116) 2200 2305 2377 2408 2429 2431 2432 2493 2494 2582 2626 2638 2716 2821 2824 2849 2923


15. Jh.:

69 149 205 336 368 385 432 467 616 664 886 1617 1626 1745 (1757) 1774 1778 1876 1948 1957 2014 2015 2016 2017 2020 2021 2023 2024 2025 2026 2028 2043 2054 2055 2057 2065 2067 2069 2084 2087 2091 2201 2256 2302 2352 2428 2436 2495 2554 2595 2648 2672 2845 2886 2919 2920 2921


16. Jh.:

61 296 522 1652 1704 1768 2029 2033 2034 2035 2038 2044 2046 2047 2049 2051 2052 2061 2064 2066 2068 2076 2078 2082 2083 2196 2254 2361 2403 2435 2594 2663 2667 2669 2743 2759 2843 2847 2891 2909 2926


17. Jh.:

1824 1903 2071 2077 2136 2258 2350 2656 2664 2681 2776 2931


18. Jh.:

1064 1776 2072 2619


19. Jh.:

1775 1777

 

Handschriften, die mittlerweile nicht mehr existieren oder deren Verbleib unbekannt ist, ohne dass sie fotografiert oder transkribiert wurden, sind eingeklammert, da sie der Forschung nicht mehr zur Verfügung stehen (eckige Klammer: verbrannt, runde Klammer: verschollen). Handschriften, die noch nicht fotografiert wurden oder deren Aufnahmen unleserlich sind, und die somit gegenwärtig noch nicht untersucht werden können, sind rot markiert. Nicht aufgeführt sind Handschriften, die nur einen Kommentar ohne den Text haben (2063 2433), und solche, die den Text in einer neugriechischen Version haben (2114 2402 2449).