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Forschungslücke Mehrheitstext


Eine Forschungslücke betrifft die Gewinnung des genauen Wortlauts des Mehrheitstextes auf der Basis der Handschriften, und die Ermittlung der Mehrheitsverhältnisse an Stellen mit gespaltener Überlieferung.


   Ermittlung des Wortlauts des Mehrheitstextes


Um im Apparat der Grundtextausgabe alle Stellen zu verzeichnen, an denen die wichtigsten Textformen differieren, muss der Wortlaut der Mehrheit der Handschriften (byzantinische Textform) ermittelt werden und u.a. mit dem Wortlaut der ältesten Handschriften (alexandrinische Textform) verglichen werden. Doch welchen Wortlaut hat die Mehrheit der Handschriften? Es gibt zur Zeit zwei gedruckte Ausgaben, die diesen Mehrheitstext veröffentlicht haben, eine von Hodges-Farstad (HF), eine von Robinson-Pierpont (RP). Doch die Texte beider Ausgaben basieren nicht direkt auf Kollationen von Handschriften, sondern auf Sekundärquellen, nämlich den Angaben des Apparates von v. Soden, in der Offenbarung auf der Ausgabe von Hoskier. Dadurch sind Ungenauigkeiten und Fehler möglich. Schon in den Ersten Analysen ergaben die Kollationen, dass es in der ersten Ausgabe von RP (1991), die auch elektronisch verbreitet wurde, ein paar Fehler gab. Diese wurden in der Ausgabe von 2005 jedoch alle behoben.

Allerdings konzentrierten sich jene Kollationen auf die angegebenen Stellen (NA-TR-RP), so dass noch unklar ist, ob die Passagen dazwischen korrekt wiedergegeben sind. Daher soll nun auch der vollständige Text von RP durch Vergleich mit Handschriften des byzantinischen Typs verglichen und überprüft werden, um den Wortlaut direkt auf der Basis der Handschriften zu gewinnen. Erste Vollkollationen zu diesem Zweck habe ich schon durchgeführt (2008), sind aber noch auf das gesamte NT auszuweiten. Auf diese Weise soll der Mehrheitstext genauer ermittelt werden, als es bisher der Fall war (auch inklusive Nomina Sacra, Akzente, Interpunktion etc.).


   Mehrheitsverhältnisse an Stellen mit gespaltener Überlieferung ("pm")


An manchen Textstellen ist die Überlieferung so in mehrere Varianten gespalten, dass kein einheitlicher Mehrheitstext existiert. An diesen Stellen sollen die ungefähren Mehrheitsverhältnisse (z.B. in Prozent) im Apparat angegeben werden können. Zu diesem Zweck müssen diese Stellen gefunden werden und entsprechende Prozentwerte durch Kollation einer relativ großen Anzahl von Handschriften angenähert werden (die hierfür verwendeten Handschriften sollten in Bezug auf Alter und Typ repräsentativ für die Mehrheit sein, die für den Apparat gewählten Zeugen reichen hierfür nicht aus). Diesbezügliche Vergleiche zwischen den Angaben im Apparat von NA und denen im Apparat von Hodges-Farstad (der auf v. Soden basiert) zeigen, dass die entsprechenden Angaben nicht immer deckungsgleich sind. Für die ersten 14 Kapitel des Matthäusevangeliums habe ich schon begonnen, die entsprechenden Fälle aufzufinden und zu klären. Dies ist nicht nur nötig, um den Wortlaut des Mehrheitstextes an allen Stellen zu sichern (s.o.), sondern vor allem, um zuverlässige Angaben im Apparat der geplanten Grundtextausgabe zu ermöglichen.


   Spezielle Situation in der Offenbarung


Die Auswahl der Handschriften für die oben genannten Vollkollationen basiert auf den Untersuchungen "Text und Textwert der griechischen Handschriften des Neuen Testaments". Da diese zunächst nur für Mt-Jud erschienen waren, fehlte für die Offenbarung eine zuverlässige Grundlage für diesen Arbeitsbereich. Aus diesem Grund habe ich 2008 intensive Forschungen im Bereich Apokalypsetext begonnen, die zur Zeit vorrangig durchgeführt werden und mittlerweile zum Erscheinen des entsprechenden "Text und Textwert"-Bandes beigetragen haben (s. Publikationen). Dies ist auch deshalb nötig, weil in der Offenbarung (anders als in den übrigen Schriften) kein einheitlicher Mehrheitstext überliefert ist, sondern die Masse der Handschriften in zwei oder drei große Textformen aufgeteilt ist: Koinetext, Andreastext, und ferner sog. Complutense-Text als drittgrößter Hss-Gruppe (zu den Wortlauten der drei Textformen s. Apokalypsetext). Nach den Arbeiten an der Offenbarung sollen die Vollkollationen zu Ende geführt werden, um den Wortlaut der wichtigsten Textformen in allen Büchern des Neuen Testaments ermitteln und die Apparatstellen festlegen zu können.